Johannes Rauchenberger

Aus dem Essay «Stille dem Theaterdonner»


«... H. K.s Malerei ist weder abstrakt noch monochrom, wenngleich sie auf den ersten Blick in diesen Sektor einer Sammlung gelangen würde. Sie gewinnt ihre Plastizität aus der feinen Nuancierung der dünn lasierten Farbschichten benachbarter Farbwerte. Wer sich für diese Art von Malerei entscheidet, stellt sich in den Schatten großer Revolutionäre, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Malerei nachhaltigst umgestalteten. Wer sich in die Nähe solcher Bilder malt, braucht einen besonderen Kick, die sagenumwobene Unsichtbarkeit der Sichtbarkeit sichtbar werden zu lassen, will man die schöne Monochromie nicht als eine alberne Wohnzimmerdekorationsästhetik entlarven.

Mit dem Malen des Nichts, mit der Negation der Negation, mit der puren Materialität der Farbe haben die Bilder von H. K. natürlich nichts zu tun. Auf dem offensichtlichen Nichts etwas zu sehen, haben uns verschiedene Thesen und Ausstellungen über Wahrnehmung gelehrt. Konstruktionen von Imagination, die sich aus einem Mix aus mathematischer Berechnung, Op-Art und Sinnestäuschung herleiten, sind aber noch einmal etwas anderes als die von H. K. behaupteten Abbilder auf seinen beinahe monochromen Bildern. (...)

Der Entschluss Kunitzbergers vor rund neun Jahren, ausschließlich für die Malerei und aus ihr – und dies in ziemlicher Abstinenz vom Kunstbetrieb – zu leben, ist dann nicht zu sehen als radikaler Entschluss oder als Bekehrung eines Spätstarters, sondern als konsequente künstlerische Weiterentwicklung seines ursprünglichen Metiers, aus dem er kommt: dem Theater. Aus dem Theater und der Bühnenbildgestaltung auszusteigen, mag vielleicht eine Entscheidung gegen eine Welt des schönen Scheins und der raschen Illustration sein. Es ist aber nicht das Entkommen vor den oszillierenden Charakteren, die auf der Bühne ihr Wesen und Unwesen treiben. Die schwindelnden Höhen und unverzeihlichen Abgründe der condition humaine sind und wollen nicht mehr sein als eine Spiegelung eines Bildnisses von uns selbst – auf dass die Bildnisse, um die es hier geht, erst nach einem langen Akt des Schauens und Schweigens in einen Donner der Überwältigung über uns einbrechen können. Das ist der Akt, den uns niemand abnimmt.

Was er mit dem Theater auch jetzt noch gemein hat: Das Erlebnis der Originalität. Man kann die Bilder von H. K. auch in Zeiten perfektester Technik nicht abbilden. Man muss sie leibhaftig sehen, um leibhaftig wieder etwas von der Kraft, die von einem Bild ausgehen kann, zu spüren zu bekommen. Die Perfektion in der Malweise hat wehende Farbflächen als Ertrag, Schicht um Schicht gemalt, auf rückseitig grundierter Leinwand. Es ist viel Zeit vonnöten, die Bilder anzuschauen und dem Künstler zu folgen in seiner These, dass er nichts anderes male als "Abbilder", "Bildnisse": Ob uns dabei Velázquez’ Machtportraits oder Bellinis, Leonardos oder Raffaels Madonnen ins Gesichtsfeld rücken, ist nicht zuletzt auch ein Einfall kunstgeschichtlicher Liebe. Die Bilder können und sollen vielleicht auch in uns eine sacra conversazione entfachen, wenn die Schwelle der Zeit erst einmal genommen ist: jenseits einer Affirmation, jenseits eines Theaterdonners. Aber als Stärkung und Stille. ...»

Johannes Rauchenberger, Leiter des Kulturzentrums bei den Minoriten Graz, 2005.
Aus dem Band «Hanns Kunitzberger. Die Orte der Bilder. Malerei.»

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