Hans Belting

Aus dem Band «Die Orte der Bilder. Symposium»


«... Da gibt es nicht nur den Raum, in dem wir uns heute befinden, sondern auch den Raum zwischen den Bildern. Das ist für diese Malerei eine Art Definitionsraum, in den die Bilder sich öffnen, in dem sie miteinander kommunizieren und mit uns kommunizieren. Also ein Raum jenseits der Rahmen und hinter der Leinwand. Hier finden auch Dialoge mit dem Licht statt, für das diese Malerei besonders empfindlich ist. Ich habe mit dem Künstler Kunitzberger manchmal über eine anthropologische Definition von Bildern gesprochen, unter der ich verstehe, dass wir selbst, jeder von uns, Orte der Bilder sind. Unsere Körper sind Orte, an denen wir Bilder wahrnehmen, erinnern und uns vorstellen. Aber Bilder, im Allgemeinen, stellen die Anwesenheit des Abwesenden dar und lösen damit die Frage aus, warum Menschen Bilder erfunden haben. Um eine Abwesenheit zu ertragen, vor allem angesichts des Todes, übersetzen sie sie auf andere Weise wie unsere eigene Erinnerung in eine ikonische Anwesenheit. Das heißt, Bilder sind physisch da und zeigen dennoch etwas, was nicht da ist. Die Engländer besitzen in ihrer Sprache die Unterscheidung zwischen picture und image. Im Deutschen sagen wir beide Male Bilder. Die Engländer unterscheiden das Medium oder das Objekt auf der einen Seite und die Darstellung auf der anderen. Hier entsteht bei dem Maler Kunitzberger eine neue Topologie, die an Utopie grenzt. Um also in seinen Bildern einen Topos für einen Utopos, für ein nicht feststellbares Bild, zu schaffen. Kann man Abwesenheit malen? Sein Thema scheint die Darstellung dessen zu sein, was man nicht darstellen kann. Dafür sind seine Bilder Orte. Orte für das, was nicht im Bild ist, was nicht im Bild anwesend ist. Sie entziehen uns die Bilder, die wir dort erwarten. Vielleicht interpretiere ich ihn, wenn ich sage, sie seien Abbilder wie er sie als ihren Titel nennt der Abwesenheit. (...)

Wenn ich mich im Saal umschaue, ist die Präsenz der Bilder von Kunitzberger jetzt eine andere als sie war, als wir begannen zu reden. Denn sie sehen anders aus. Das Licht hat sich verändert, und so weiter. Also ihre Präsenz ist keine stabile, obwohl es so scheint, sondern eine, die abhängig ist von vielem. Und wir haben immer davon geredet, was Bilder zeigen, was sie beweisen, aber wir haben nicht davon geredet, was Bilder verhüllen. Was sie nicht zeigen. Was sie uns entziehen. Ich meine, da muss ich noch mal auf Kunitzbergers Werk zurück kommen. Er nennt ja zwei verschiedene Gattungen, das eine nennt er "Abbild", das andere "Bildnis". Und ich habe mit ihm oft gestritten und gesagt, wo ist denn das Abbild, wo ist denn das Bildnis? Jetzt aber, wenn man sagen möchte, wo ist das Bild eigentlich hier? Dann muss man sagen, das sind Bildobjekte, die da stehen. Das sind aber noch nicht die Bilder, die er malen will, oder die er im Malen uns entzieht. Das heißt, wir müssen zwei Bildbegriffe anwenden: auf der einen Seite das gegenständliche Bildobjekt, das da ist, und auf der anderen Seite das Bild, das er, bewusst vielleicht, so wegmalt oder in die Entfernung zieht, dass wir es suchen. Das heißt hier, wir müssen das Bild dann selber herstellen. ...»

Hans Belting, Kunsthistoriker und Medientheoretiker, 2006.
Aus dem Band «Die Orte der Bilder. Symposium.»

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