Carl Aigner

Vom Bild zur Rede und retour
Fragmentarische Notationen zur Malerei von Hanns Kunitzberger
für Catherine

«... Wenn wir das Jahr 2006 Revue passieren lassen, können wir tatsächlich von so etwas wie einem kleinen Ausstellungswunder in Wien sprechen. Und dieses Ausstellungswunder war für Viele "Hanns Kunitzberger Die Orte der Bilder" im Künstlerhaus Wien.
Dies erlebt man heute nicht mehr sehr oft: Dass eine Ausstellung zu einem Stadtgespräch unter Kunstinteressierten wird. Nicht nur die Welt ist sehr schnell geworden, sondern auch die Kunstwelt – eine Ausstellung folgt immer schneller der nächsten – wir verlieren auch in diesem Bereich immer mehr Boden unter unseren Wahrnehmungsfüßen und sind verwundert, dass wir in Manchem kaum mehr oder immer schwieriger Zugang finden.

Wenn ich meine Rede so anfange, ist es eine Möglichkeit. Aber es gibt davon viele, eine Rede zu beginnen. Mein zweiter Beginn lautet: Doch jede Rede über Bilder sollte niemals vergessen lassen, dass es ein Rede über ein Werk ist und nicht das Werk selbst! Und darum gibt es für mich im Moment nichts Schöneres, als mit fremder Zunge zu beginnen, und ich darf zitieren: "Im Bild erschienen Außen und Innen fusioniert zu etwas Drittem, etwas Größerem und Beständigem. Die Bilder stellten den Wert der Werte dar, sie waren unser scheinbar sicherstes Kapital. Der letzte Schatz der Menschheit."
Wenn ich hier Peter Handke aus seinem wunderbaren Buch: "Der Bildverlust" zitiere, dann gewiss nicht zufällig oder etwa gar, um meine literarische Nichtbelesenheit hier spazieren zu führen. Ist es nicht unglaublich, dass jemand heute noch Bilder als größten Schatz der Menschheit bezeichnet? Haben wir das nicht längst vergessen in einer Welt und in einer Wirklichkeit, die uns tagtäglich, stündlich, ja minütlich, mit Bildern förmlich erschlägt, uns blind macht, und immer mehr daran hindert, dass wir sehen, und auch daran hindert, dass wir uns selbst sehen? Ich denke, das könnte, ein wenig provokativ, auch der Titel dieser Ausstellung sein: Der letzte Schatz der Menschheit.

Sie sehen hier Arbeiten, großteils ganz neue, aktuelle der letzteren Jahre, ein paar Werke auch, die Anfang dieses Jahrhunderts entstanden sind. Wenn ich mir die Reaktionen zum Werk von Kunitzberger vergegenwärtige, dann gibt es immer dieses Schlagwort: 'abstrakt'.
Ich denke, wenn wir uns ein wenig vor Augen halten, dass die Abstraktion auch eine ganz bewusste künstlerische Reaktion gegen das, was wir die Bilderflut nennen, ist, können wir mit diesem Begriff besser umgehen. Nach dem großen Paradigma der Renaissance, der zentralperspektivischen Konstitution der Bilder und deren Symbolisierung als "Fenster der Welt", nach dem neuerlichen pikturalen Paradigmenwechsel durch die Photographie, mit der Bild und Welt synchronisiert, ja kurzgeschlossen wurde, ist es das Paradigma der Abstraktion, welches unsere Bilderwelt fundamental neu situiert. Als Reaktion auf die immer komplexer werdende Welt, als Reaktion auf die abbildgebenden Medien wie Photographie und Film sowie als Reaktion auf die Säkularisierung ist die Abstraktion die Begründung des Bildes als autonome Wirklichkeit, als genuine Seinsweise der Bildlichkeit und als energetisches Bewusstsein essentiell.
Und ich denke, wenn wir auch heute noch ernst nehmen, dass Künstlerinnen und Künstler sich zusehends verweigert haben, eine Welt bloß abzubilden, dann nicht, weil sie sich der Welt verweigern wollten, sondern weil sie in allen Dimensionen erkannt haben, dass heute eine Welt nicht mehr einfach herzeigbar ist. Und damit denke ich, ist eine, wenn ich es so nennen darf, Lektion der Malerei von Kunitzberger auch die, dass wir aufhören sollten, zwischen Abstraktion und Gegenständlichem, Figurativem zu trennen, diese noch immer versuchen, gegenseitig auszuspielen. Nichts ist gegenständlicher als ein so genanntes abstraktes, oder nicht-gegenständliches Werk. Warum? Wir wissen es aus einem ganz einfachen Grund, weil es sagt: "Ich bin eine Welt, Ich bin jener Ort, wo Du Dich als Bild, sozusagen, wieder zu finden vermagst." Das Werk von Hanns Kunitzberger erinnert uns an das Konzept und dieses Denken des "unendlichen Hauses" von Friedrich Kiesler, und wenn wir das Werk von Hanns Kunitzberger hier sehen, dann müssen wir vergegenwärtigen, dass es hier nicht um viele Bilder geht, sondern letztendlich um ein Bild, aber nicht nur um ein Bild, sondern um EIN Bild, das uns in diesem EINEN gleichzeitig so etwas wie unendliche Bilder zu generieren vermag. Das ist für mich die wichtigste Lektion, die ich für mich aus diesem Werk ziehen konnte: Das endlose Bild.

In einer unglaublich nuancierten, subtilen und komplexen Arbeit mit dem Material der Malerei, mit Farbe, mit verschiedenen Farben, gelingt es Hanns Kunitzberger, aus einer Bilderschicht immer weitere Bilderschichten zu generieren. Und er macht das in einer ganz spannenden und eigenen Weise. Nicht, indem er Schicht über Schicht legt, sondern indem er eine Schicht nach der anderen wegnimmt: "Ich nehme Licht weg", benennt er selbst diesen Vorgang. In keiner Weise darf damit sein Werk mit Begriffen wie monochrome oder minimalistische Malerei kurzgeschlossen werden. Im Gegenteil: es ist eine archäologische Verfahrensweise, die uns immer wieder auf unsere eigene Wahrnehmung zurück verweist, darauf, dass sich Bilder durch ihre Betrachtung konstituieren, nicht bloß durch unser Bilderwissen!
Das sind alles Licht-Bilder, das müssen wir uns vergegenwärtigen, und sie besitzen eine unglaubliche Kraft. Nämlich jene Kraft, dass wir, wenn wir nur lange genug hineinblicken, unzählige, eben dieses endlose Bild, diese endlosen Bilder in einem Bild erblicken können. Sie müssen sich Zeit nehmen - aber das brauche hier wohl nicht zu sagen - bei verschiedenen Lichtstimmungen, bei den Temperaturen, bei den Tönungen des Lichtes während des Tage die Bilder zu betrachten, damit Sie das wirklich heraus-sehen können, diesen pikturalen Kosmos, der diesen Werken implizit ist, das möchte ich betonen.

Maximilian Schell ist hier, deshalb darf ich ihn auch kurz zitieren aus seinem Beitrag zu der bemerkenswerten Publikation "Hanns Kunitzberger: Die Orte der Bilder. Malerei". Er weist nämlich auf etwas ganz Wichtiges hin, auf eine Familiarität zwischen dem bildnerischen Werk und dem Phänomen der Musik. Das scheint mir auch etwas Essentielles zu sein. Warum? So wie in der Musik, wo wir eigentlich keinen Inhalt haben – es gibt keine Inhaltlichkeit der Musik – so gibt es bei der Malerei von Kunitzberger eben auch keine Inhaltlichkeit in dem Sinne etwas zeigen zu wollen. Analogisierend könnten wir sagen, dass das, was die Obertöne in der Musik geworden sind, das ist, was in seiner Malerei die Nuancierung von Licht und Farbe vermittelt. Und deshalb werden wir beim Betrachten herausgefordert, uns selbst beim Betrachten seiner Bilder zuzulassen und damit die Bildbetrachtung selbst als wesentlichen Faktor erkennen. Dieses magische Moment der Betrachtung führt uns vor Augen, dass sie für uns in neuer Weise eine via regina zu seinem Werk darstellt.
Ich habe davon gesprochen, dass der Moment der Betrachtung ein Zentrum dieses künstlerischen Selbstverständnisses von Hanns Kunitzberger ist. Das ist nicht einfach das, was wir in den letzten zwanzig Jahren unter dem flotten Begriff der Interaktivität, des Interaktiven bezeichnet haben. Ich denke, es ist etwas ganz anderes gemeint. Es geht hier viel weniger um eine Interaktivität im Sinne des Aktiven, als um eine Interaktivität im Sinne dessen, was auch für Hanns Kunitzberger ein ganz wichtiger Begriff ist: des Zulassens, das Sichzulassen, und dadurch um die Möglichkeit, sich eigentlich freilassen, freiwerden zu können für das, was ich Blickerfahrung nennen möchte.

Ich habe mit einem Zitat von Peter Handke begonnen, gestatten sie mir mit einem kurzen weiteren Zitat, eigentlich nur mit einem Wort von ihm zu enden. Im besagten Buch spricht er von einem "verschwundenen Bildwetterleuchten". Ist das nicht ein ganz unglaublicher Begriff: Bildwetterleuchten. Wann haben Sie das letzte Mal die Erfahrung eines Bildwetterleuchtens gemacht, dass Ihnen ein Bild wirklich geleuchtet hat, dass es ein Bild-Wetterleuchten gewesen ist? Das Werk von Hanns Kunitzberger ist für mich ein solches verschwundenes 'Bildwetterleuchten' und darf in keiner Weise mit dem Begriff der Autonomität eines Bildes zugedeckt werden. Sein Werk ist ein Wieder-Sehen des Lichtes, ein Wieder-Sehen im Licht der Bilder, ein Sich-Selbst-Wieder-Sehen im Lichte der Bilder. Und ist es nicht die faszinierendste Kraft von Bildern, dass sie helfen, uns selbst wieder erblicken zu können in all der unsäglichen Bilderflut? Und dies ist heute nur mehr möglich – davon bin ich überzeugt – Kraft der Kunst.

Die Kraft der Kunst von Hanns Kunitzberger ist so ein Wetterleuchten der Bilder. Dafür dürfen wir Ihnen, lieber Herr Kunitzberger, mehr als danken. Danken für Ihren Bilderwillen – den muss man auch erfahren und leben – danken für ihre Bilderkraft, denn sie gibt uns Kraft, damit wir wieder Blicke – und ich wage es zu sagen – für die 'Schönheit' von Bildern gewinnen können und damit auch für die Schönheit der Welt. Und damit für die Schönheit und Kostbarkeit des Sehens, des Wahrnehmens schlechthin, denn das scheint mir über allem jenes zu sein, was hier wetterleuchtet. Und uns immer wieder bewusst zu machen, wie kostbar es ist, dass wir sehen können, dass wir etwas erblicken können, und das wir dadurch auch erblickt werden. Warum nicht im Licht Ihrer Bilder mit Ingeborg Bachmann schließen:
"Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Dass ich wieder sehe und dass ich dich wiederseh!" ...»

Carl Aigner, Direktor Landesmuseum Niederösterreich, 2008.
Der vorliegende Text ist die transkribierte Eröffnungsansprache zur Ausstellung «Hanns Kunitzberger Malerei», gehalten am 4. März 2008 in der Galerie Elisabeth Michitsch Wien.


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